Thank you, Therapy: Was ich durch meine Therapiestunden gelernt habe

You know, that’s the burden of having a parent. They haven’t a clue what they’re doing. And every mistake they make chips away at us. As we get older, we got to glue the pieces back together. And we can blame them. But here’s the thing. They’re human. They make mistakes.“

– Pray Tell | Pose

Ganz offen damit umzugehen, dass ich zur Psychotherapie gehe, hat mich am Anfang große Überwindung gekostet. Noch immer stellt sich zeitweise ein merkwürdiges Gefühl ein – auch in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe – wenn ein Gespräch mit (fast) Fremden in diese Richtung geht – denn noch immer gibt es zeitweise Momente, in denen ich mich frage: „Solltest du wirklich so offen darüber reden? Kann es Leute verprellen? Könnten sie denken, mit dir stimmt etwas nicht?“

But here’s the thing: Mit mir „stimmt“ wirklich etwas nicht. Ich hab eine psychische Störung; sie beeinflusst meinen Alltag. Und ich gehe zur Therapie. Mein Umfeld kann selbst entscheiden, ob es unter diesen Gegebenheiten mit mir zu tun haben will oder nicht, aber ich hab die Stigmatisierung von psychischen Störungen satt. Ich will offen damit umgehen können und mich vor allem nicht schlecht fühlen für etwas, das mir extrem gut tut. Also seid abgeschreckt, fühlt euch unwohl, bemitleidet mich: I don’t care anymore.

Was geht überhaupt in meinem Kopf vor?

Schon vor drei Jahren habe ich gemerkt, dass es Situationen in meinem Alltag gibt, in denen ich mir durch meine eigenen Gedankengänge das Leben viel schwerer mache, als es ohnehin schon ist. In solchen Momenten bin ich in Gedankenspiralen verfallen, die mich extrem in die Tiefe gezogen haben.
Manchmal soweit, dass ich dachte, ich wäre allein auf dieser Welt, alle anderen hätten sich gegen mich verschworen, yz will sowieso nicht mit mir befreundet sein, warum hab ich dies und das gesagt, wenn ich doch weiß, dass ich damit der Person vor den Kopf stoßen würde, was hat xy mit der und der Sache gemeint, warum reagiert gerade jetzt niemand auf meine Nachrichten, was ist, wenn ich wegen der Sache von vorgestern meinen Job verliere, wollte wx mir bewusst damit wehtun, bestimmt macht yz gerade dies und das und wenn ich das erfahre, wird das richtig hart für mich…

…welcome to my brain like three years ago. (Auch heute noch merke ich, wie ich ab und an drohe, in solche Gedankenspiralen zu rutschen – meistens schaffe ich es aber, mich durch verschiedene Gedankenprozesse davor zu bewahren).

Vor etwa 1,5 Jahren habe ich dann endlich den Mut gehabt, mich aktiv um einen Therapieplatz zu kümmern. Und ja, es erfordert Mut: Denn sich aktiv um einen Therapieplatz zu bemühen bedeutet sich einzugestehen, dass es Dinge im eigenen Leben gibt, mit denen man auf sich allein gestellt nicht klarkommt. Und wo einem auch Familie und Freunde nicht durch gut zureden helfen können.

Im IPR Köln habe ich schließlich einen Platz bei einer jungen Therapeutin erhalten, die mir sehr offen und auf Augenhöhe begegnet, was die Sitzungen einfacher für mich macht. Die „Diagnose“ nach wenigen Sitzungen: Alles deutet auf eine Angststörung mit depressiver Stimmung hin. Das bedeutet: Neben meinen Gedankenspiralen, die mich körperlich auslaugen und soweit führen können, dass ich grundlos weinend auf der Couch sitze (inzwischen habe ich das ganz gut im Griff), habe ich vereinzelt Phasen, in denen ich grundlos melancholisch bin und mich nur schwer aufraffen kann.

Woher kommt meine Angststörung?

Um das einmal für die Leute klarzustellen, die sich nichts darunter vorstellen können: Mit einer Angststörung wird man nicht geboren. Allerdings können Menschen mit Angststörung eine ausgeprägtere Vulnerabilität haben – das bedeutet, sie entwickeln schneller Ängste und reagieren in vielen Situationen ängstlicher als andere. Eine Angststörung entwickelt sich dann häufig aufgrund von negativen Lebensereignissen. In einigen Fällen lassen sich die Ängste auf konkrete Ereignisse zurückführen, in vielen Fällen haben mehrere „ähnliche“ Erlebnisse zu einer ausgeprägten Angst geführt.

Eine Angststörung beschreibt also ein ungesundes Verhältnis zu Ängsten, die in den meisten Fällen irrational oder zumindest unverhältnismäßig zur Realität sind.

Mich hat vor allem die Trennung meiner Eltern, als ich gerade einmal 4 Jahre war, und deren Umgang damit geprägt. Es wurden viele Dinge gesagt, die nicht hätten gesagt werden dürfen – vor allem nicht in Gegenwart oder sogar direkt zu Kindern. Ich möchte es bei diesem Teaser belassen und diesen Artikel nicht nutzen, um meine Eltern anzuschwärzen, denn ich bin sicher, dass sie vieles anders gemacht hätten, wenn sie heute auf die Vergangenheit zurückschauen.

Geprägt hat mich auch das Mobbing in der Schule. Sind wir mal ehrlich: Entweder gehören wir in der Schulzeit zu den Mobbern oder zu den Gemobbten – dazwischen stehen eigentlich nur die wenigen Kinder, die weder was für noch dagegen tun, aber die unterstützen durch ihre Passivität die Mobber. Geprägt haben mich später auch toxische Freundschaften und toxische Beziehungen, die an dieser Stelle allerdings nur einen geringen Anteil an meinen Ängsten haben.

Es kostet mich viel Überwindung, das hier niederzuschreiben in dem Wissen, dass es nach Veröffentlichung dieses Artikels für das gesamte Internet zu lesen ist, aber… geführt hat all das zu meiner größten Angst: irgendwann einmal allein zu sein. Und damit meine ich dauerhaft allein. Niemanden zu haben, der mich liebt, der für mich da ist, der gern Zeit mit mir verbringt. Natürlich ist das bis zu einem gewissen Grad Bullshit, aber Menschen in meinem Leben haben mir immer wieder gezeigt, dass zumindest zeitweise diese Möglichkeit besteht.

Jetzt mögen manche von euch sagen, die Angst hätte jeder oder das wäre nichts, wofür man zur Therapie gehen müsse. Hier sage ich: Sorry, mir egal, ihr wisst nicht, wie ich diese Angst empfinde und was ich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt habe, was diese Angst immer und immer wieder geprägt hat. Genauso wie ich nicht weiß, was ihr in eurem bisherigen Leben über euch ergehen lassen musstet und mir darüber ebenfalls kein Urteil erlaube.

Wie hilft mir die Therapie?

An genau dieser Stelle setzt die Therapie ein: Meine Therapeutin geht gemeinsam mit mir aktuelle und vergangene Ereignisse durch. So kann ich durch ihre Fragen herausfinden, welche Ängste ich habe, wann diese Ängste getriggert werden und warum diese Ängste dann ausgelöst werden. So kann ich wiederum herausfinden, ob diese Ängste in den jeweiligen Momenten rational sind.

In den meisten Fällen sind meine Ängste dann, wenn sie getriggert werden, irrational, was sie natürlich nicht weniger schmerzhaft für mich macht. Aber mithilfe der Therapie lerne ich, bestimmte Gedankenprozesse zu entwickeln, um mich nach dem ersten „Angstschock“ selbst zu beruhigen und bestimmte Fragen gedanklich durchzugehen – so habe ich es in dem vergangenen Jahr Therapie geschafft, viel schneller Gedankenspiralen abzuwenden und teils sogar beim ersten Anflug einer Angst das Ganze einzudämmen.

Nicht zuletzt habe ich in der Therapie Kommunikation gelernt – ich weiß nun besser, wie ich meine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringe, ohne jemandem einen Vorwurf zu machen oder ihn anzugreifen. Ich weiß nun besser, wie ich auf die Gedanken und Gefühle anderer Menschen eingehe und vielleicht bin ich sogar sensibler für bestimmte Stimmungen geworden. Ich beobachte mehr, ich höre mehr zu und ich falle weniger schnell mit der Tür ins Haus, wenn ich helfen will.

Und genau aus diesen Gründen bin ich davon überzeugt, dass jedem Menschen Therapie helfen kann. Denn Therapie ist nicht nur für Menschen da, die mit psychischen Störungen zu kämpfen haben. Therapie ist für jeden Menschen da, der sich gerade in einer schwierigen Lebenslage befindet, aus der er nicht allein herausfindet. Therapie ist für jeden Menschen da, der mit einem anderen Menschen über seine Gedanken und Gefühle reden muss und sich Besserung erhofft. Therapie ist für jeden da, der spürt, dass er psychischen Druck hat und darunter leidet.

Manchmal bin ich wütend.

Es gibt Tage, an denen ich wütend bin. Wütend über die Menschen, die mich negativ beeinflusst haben. Wütend darüber, dass die Automatismen, die ersten Impulse nie weggehen werden. Wütend darüber, dass ich mein Leben lang diverse Prozesse benötige, die mir helfen, im Alltag besser klarzukommen und nicht in alte Muster zu fallen, die am Ende nur mir selbst schaden. Wütend darüber, dass ich nicht an meiner Angststörung schuld bin und die Scheiße trotzdem ausbaden muss. Wütend, weil es sich an manchen Tagen so ausweglos anfühlt.

Aber – und genau deshalb habe ich eingangs das Zitat von Pray Tell (gespielt von Billy Porter) aus der ersten Staffel von „Pose“ gewählt – grundsätzlich kann ich meinen Eltern trotzdem nicht richtig böse sein. Und ich kann ohnehin nicht mein Leben lang diese Wut in mir tragen. Denn meine Eltern waren damals selbst überfordert mit ihrer Situation; meine Eltern gehen nicht zur Therapie und obendrein bin ich davon überzeugt, dass meine Eltern ihre eigenen Gefühle, Gedanken und Erlebnisse nicht ausreichend reflektiert haben, um anders mit den damaligen Situationen umgehen zu können.

Ich bin dennoch ebenfalls überzeugt davon, dass meine Eltern mich lieben und dass sie das Beste für mich wollen – und dass sie, quite frankly, es einfach nicht besser wussten. Eltern machen Fehler. Auch ich werde irgendwann Fehler machen, bei denen ich befürchten muss, dass meine zukünftigen Kinder drunter leiden.

Und genauso sehe ich es auch mit den Kindern, die mich gemobbt haben und mit den Exfreunden, die mit ihren eigenen Problemen überfordert waren: Sie wussten es nicht besser oder wollten, dass sich andere genauso einsam/verletzt/unzureichend/depressiv fühlen wie sie. Verübeln kann ich es ihnen inzwischen nicht mehr – und ich weiß nicht, ob ich nicht auch Dinge getan habe, durch die es anderen Menschen so geht wie mir.

Fakt ist: Wir alle müssen netter zueinander sein. Wären wir toleranter, empathischer und offener, könnten wir mehr miteinander über unsere Probleme, Ängste, Gedanken und Gefühle reden, anstatt sie für uns zu behalten aus Angst, wir würden verurteilt werden, würden wir anderen häufiger das Gefühl geben, dass es okay ist, darüber zu reden – dann wären wir eine besser funktionierende Gesellschaft mit glücklicheren Menschen, die vielleicht doch keine Therapie benötigen.

Thank you, Therapy: For being there every week to work through all the stuff I can’t work through on my own, for trying to become a better person, for learning healthy egoism and for helping me to get my shit together.

3 Kommentare zu „Thank you, Therapy: Was ich durch meine Therapiestunden gelernt habe

  1. Love, girl! Du weißt ja, wie ich zu alldem stehe. Gerade diese Gedankenspiralen sind mir auch nicht fremd – wie auch das grundlose Weinen und das damit alleine-Sein. Aber es ist so cool, wie weit wir da beide gekommen sind, seit wir uns kennengelernt haben, dass wir unsere Therapieerfahrungen teilen konnten und teilen und dass wir im Endeffekt doch nicht alleine sind, auch wenn das jeder für sich durcharbeiten muss. It will get even better – do what you need to do und wer zum Stigma beitragen will, der soll das gern tun, aber bitte nicht hier. Ich bin auf jeden Fall bei der weiteren Journey am Start! 💜

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  2. Danke für dieses offenen Eintrag. Ich finde es bewundernswert, dass du dir Hilfe geholt hast. Ich musste bei deinem Artikel auch schlucken, denn was du unter „Was geht überhaupt in meinem Kopf vor?“ beschreibst, kommt mir nur allzu bekannt vor. Ich finde es toll, wie du damit umgehst und sehe das eindeutig als Stärke an. Es hat auch bei mir ausgelöst, dass ich mich noch einmal bewusster mit meiner Innenwelt beschäftige.

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