Thank you, „Pose“: Warum sich die Serie an heterosexuelle, weiße Cis-Menschen richtet

Notice what it’s all about. Being able to fit into the straight, white world and embody the American dream. We don’t have access to that dream, and it’s not because of ability, trust me. I mean… isn’t that what you’re trying to do? Dance your way into that world? The world of acceptability? “ 

– Blanca / Pose

Ich gebe zu: Dass ich bei einer Serie weine, ist kein Maßstab – viel zu oft lasse ich mich in Songs, Filme oder Episoden reinziehen und lebe dann ganz selbstverständlich meine emotionale Seite aus. Aber was die Serie „Pose“ bei mir geschafft hat, schafft tatsächlich nur ausgewählte Popkultur: Meine Aufmerksamkeit und meine Leidenschaft so für sich gewinnen, dass ich jedes Detail zur Serie und zu ihren Schauspielern gierig aufsauge und die gesamte Welt dazu zwingen möchte, die Serie zu schauen.

Wovon handelt „Pose“?

New York, 1987: In der Ballroom-Szene – eine Subkultur der LGBTQ+-Szene – von Harlem treten verschiedene Häuser in Wettbewerben gegeinander an. Die trans Frau Blanca gehört dem House of Abundance an und läuft regelmäßig für ihre Familie auf diesen Bällen. Als sie jedoch erfährt, dass sie HIV-positiv ist, verlässt sie die Abundance-Familie und gründet ihr eigenes Haus: House of Evangelista.

Nach und nach baut sich Blanca Evangelista ihre eigene kleine Familie auf – unter anderem mit dem Tänzer Damon, der aufgrund seiner Homosexualität von seinen Eltern hinausgeschmissen wurde. Auch die junge Angel, eine weitere trans Frau, schließt sich dem Haus von Blanca an.

Warum ging mir „Pose“ so nahe?

Ganz grob gesehen beschäftigt sich die Serie „Pose“ mit der LGBTQ+-Szene in Amerika in den 1980er und 1990er Jahren. Zoomt man hier aber rein, entstehen so viele Facetten und Themen, die das Format angeht:

1: Die Darstellung von trans Menschen durch trans Menschen

Fünf trans Charaktere, die von fünf trans Schauspielern gespielt werden – das hat es in der Serien-Geschichte noch nicht gegeben. Noch mehr Geschichte schreibt „Pose“ damit, dass alle fünf trans Frauen People of Colour sind – sie müssen sich also nicht nur gegen Transphobie, sondern auch gegen Rassismus durchsetzen.

Wie wichtig es ist, dass die Rollen der trans Charaktere auch von trans Frauen gespielt werden, die ihre Lebenserfahrung in die eigenen Rollen einfließen lassen können, erklären MJ Rodriguez (Blanca) und Indya Moore (Angel) selbst:

Natürlich sollten Rodriguez, Moore und ihre Kolleginnen keinesfalls auf ihr Geschlecht reduziert werden, sodass sie nicht die Chance erhalten, auch cis Rollen übernehmen zu können – dennoch sollte trans Schauspielern die Möglichkeit gegeben werden, in Serien wie „Pose“ ihre Geschichte zu erzählen und ihre Erfahrungen zu teilen, anstatt sich dies von cis Schauspielern wegnehmen zu lassen.

Und gerade ein Format wie dieses zeigt auf brutal ehrliche Weise, welchem Hass sich trans Menschen entgegenstellen müssen von Leuten, deren eigene traurige, verunsicherte Existenz zu wackeln droht, wenn sie dem Mut von trans Menschen gegenüberstehen.

2: Homophobie, Transphobie & Rassismus

Die Ballroom-Kultur in New York wurde vorrangig von African Americans und Latin Americans gegründet, die der LGBTQ+-Szene angehören. Die Ballrooms sollen ihnen als Zuflucht dienen, als Orte, an denen sie einfach sie selbst sein können, ohne mit Hass und Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Um zu zeigen, dass Homophobie, Transphobie und Rassismus in den 80er sowie 90er Jahren – und leider bis heute – dennoch auf der Tagesordnung stand, bricht „Pose“ immer wieder aus der schrillen, positiven, toleranten Ballroom-Szene aus und zeigt die harsche Realität. So wird Blanca beispielsweise aufgrund ihres Geschlechts der Eintritt in eine Homosexuellen-Bar verwehrt, in der sich ausschließlich weiße Männer aufhalten.

Auch entstehen immer wieder Dialoge, die deutlich machen, wie sehr die einzelnen Charaktere unter dem Hass weißer cis Menschen leiden und wie gern sie diesem Alltag entfliehen wollen. Und wie sehr sie das gleichzeitig ermutigt, sich selbst am meisten wertzuschätzen und auf diese Weise dem Hass den Kampf anzusagen:

You have to shine so bright that they can’t deny you.“ – Blanca

3: Die Unterstützung von LGBTQ+-Menschen durch ihre Familien

Viele Menschen in der LGBTQ+-Szene haben nicht nur durch Fremde, sondern durch ihre eigenen Eltern, Geschwisten oder andere Familienangehörige Ablehnung erleben müssen – nur dafür, wen sie lieben oder wie unwohl sie sich in ihrem Körper fühlen, mit dem sie geboren wurden. Auch in „Pose“ wurden Charaktere von ihren eigenen Eltern rausgeschmissen und mussten sich allein in einer Welt zurechtfinden, die für sie nicht viel außer weiterem Hass zu bieten hat.

Menschen zu finden, mit denen eine eigene Familie aufgebaut werden – eine Familie, die jedes einzelne Mitglied bedingungslos akzeptiert, wie es ist – kann lebensrettend sein. Nicht nur für Menschen aus der LGBTQ+-Szene, sondern für alle, denen aus der engsten Blutsverwandschaft Hass und Ablehnung entgegenschlägt und die sich völlig allein wiederfinden.

Die Häuser der Ballroom-Szene zeigen genau das: Familien, die sich selbst aufgebaut haben, die in jeder noch so aussichtslosen Lebenslage füreinander da sind, die einander unterstützen und Seite an Seite im Kampf gegen alle stehen, die ihnen das Leben schwer machen möchten.

„A house is much more than a home. It’s family. And every family needs a mother who is affirming, caring, loyal, and inspiring.“ – Pray Tell

4: Überholte Geschlechterrollen

Klassische Geschlechterrollen sind durch patriarchalische und heteronormative Strukturen des Westens entstanden – und gehen davon aus, dass es ausschließlich heterosexuelle cis Menschen gibt, die sich diesen Strukturen nur allzu gern unterwerfen. Listen, honey: Wenn Frauen ungeschminkt in Kapuzenpulli und Baggy Jeans aus dem Haus gehen wollen, ist das ihr gutes Recht. Wenn Frauen shoppen und Make Up als ihre Hobbies ansehen, ist das ihr gutes Recht. Wenn Männer schnell weinen und gern ihre Gefühle ausdrücken, ist das ihr gutes Recht. Und wenn Männer am liebsten im Fußballstadion rumgröhlen wollen, ist das ihr gutes Recht.

Das Ganze nimmt aber neue Dimensionen an: Wir sind fast im Jahr 2020 – inzwischen sollte jeder gelernt haben, dass es nicht nur eine Sexualität und nicht nur ein Geschlecht gibt. Ob heterosexuell, homosexuell, asexuell oder pansexuell; ob Mann, Frau, genderfluid oder non-binary – lasst doch einfach jedem das, was er ist und wie er sein will. Wo ist das fucking Problem?

Auch „Pose“ gibt den Geschlechtern Freiraum, nicht zuletzt aufgrund der trans Charaktere: Da ist Lil Papi, der emotional und romantisch ist und kein Problem damit hat, vor anderen Menschen zu weinen. Da sind Elektra, Candy und Lulu, die ihre Weiblichkeit in vollen Zügen genießen. Da sind Cubby und Lemar, die sich nur zu gern von ihrer femininen Seite zeigen und da ist Ricky, der vor allem seine maskuline Seite zur Schau stellt, sich das eine oder andere Mal aber auch gern femininer gibt.

Und nicht zuletzt sind es die Schauspieler selbst, die sich dafür einsetzen, dass klassische Geschlechterrollen überholt sind und jeder einfach machen können sollte, wozu er situativ Lust hat – so zum Beispiel der wundervolle Billy Porter:

5: HIV & Aids

Ein Thema, das in beiden bisher erschienen Staffeln immer wieder in den Fokus gerückt wird, ist HIV – und daraus entstehend Aids. Da diese ansteckende Krankheit im Amerika der 1980er Jahre zuerst bei homosexuellen Männern entdeckt wurde, waren sie für viele Jahre stigmatisiert. Einige Christen bezeichneten Aids sogar als Gottes Strafe für Homosexualität.

Auch die Charaktere in „Pose“ haben mit HIV und Aids zu kämpfen – zum Teil sind sie selbst davon betroffen, zum Teil müssen sie auf einer nahezu alltäglichen Basis lernen damit umzugehen, dass immer und immer wieder Mitglieder ihrer Szene aus ihrer Mitte gerissen werden. Obendrein müssen sie sich dem Stigma stellen – auch in der eigenen Szene.

„Pose“ macht weder einen Hehl daraus, wie quälend diese Krankheit ist noch daraus, wie sehr mit HIV Infizierte oder an Aids Erkrankte unter der Zurückweisung anderer leiden. Immer wieder legt die Serie den Finger in die Wunde, dass Erkrankte sich häufig nicht einmal trauen, ihren engsten Vertrauten davon zu berichten – aus Angst, am Ende allein dazustehen.

„They’ll never know that feeling what it’s like to love without worrying that you’re gonna die, or worse yet, that you’re gonna kill somebody. I don’t know what’s shittier having that freedom taken away or never having had it to begin with.“ 
– Pray Tell

So thank you, „Pose“: Thank you for giving the LBQT+ community a platform, thank you for tackling racist, transphobic, sexist and homophobic issues and thank you for raising your voice.

Ein Kommentar zu „Thank you, „Pose“: Warum sich die Serie an heterosexuelle, weiße Cis-Menschen richtet

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